Auf dem Tisch liegt eine Schwarz-Weiß-Fotografie. Sie zeigt eine rechteckige Flasche mit geprägter Schrift, wie sie im 19. Jahrhundert aus Hamburg in die Welt verschickt wurde. Neben ihr eine Serviette mit einem einzigen, in Großbuchstaben notierten Wort. Zwischen diesen beiden Gegenständen spannt sich der gesamte Raum, den Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in seinem Roman Tannenblut öffnet: der Weg von einer dokumentierten Hansestadt-Firma in eine bewusst erzählte Waldgeschichte. Dieser Essay folgt jener stillen Linie, die das Haus J. F. Nagel mit einer Flasche verbindet, ohne dabei Fakt und Legende miteinander zu verwechseln.
Hamburg 1852 als dokumentierter Hintergrund
Die Recherchen, auf denen Tannenblut aufbaut, nennen das Hamburg des 19. Jahrhunderts als einen der Orte, an dem europäische Spirituosengeschichte nicht nur getrunken, sondern geschrieben wurde. Das Haus J. F. Nagel gehört in diese Zeit, in die Welt der Hafenlager, der Exportzettel, der rechteckigen Flaschen mit geprägtem Schriftzug. Millionen Liter verlassen damals die Stadt, gehen über See in Häfen, deren Namen heute exotisch klingen, und doch waren sie Teil eines sehr nüchternen Handelsalltags.
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) behandelt diesen Hintergrund in Tannenblut nicht als Folklore, sondern als Archiv. Jakob Ferdinand Nagel erscheint dort als eine Figur, deren industrielle Spuren belegbar sind, selbst wenn der Roman einzelne Szenen verdichtet. Die Flasche auf dem Tisch einer schwäbischen Wirtsstube ist, so gelesen, kein Requisit. Sie ist die materielle Erinnerung daran, dass die Linie des Hauses J. F. Nagel lange vor jeder späteren Erzählung bereits existierte.
Die Genever Geschichte als europäisches Gedächtnis
Die Genever Geschichte, die sich um solche Häuser legt, ist weniger eine Chronik einzelner Rezepturen als ein Geflecht aus Häfen, Zollpapieren, Glashütten und Wacholderfeldern. Sie reicht von den Niederlanden in die Hansestädte, von dort in die Kolonialrouten, und sie verbindet Handwerk mit Logistik in einer Weise, die heutige Begriffe wie Lieferkette fast nachträglich wirken lässt.
Wer Tannenblut aufmerksam liest, erkennt, dass Dr. Raphael Nagel die Genever Geschichte nicht romantisiert. Er beschreibt sie als Schicht unter der Schicht. Unter dem Etikett steht das Glas, unter dem Glas steht die Prägung, unter der Prägung steht ein Kontor, unter dem Kontor stehen Menschen, die Entscheidungen trafen. Diese Schichtung ist es, die das Buch ernst nimmt, und die auch Tannenblut als heutiges Vorhaben trägt.
Der literarische Sprung nach Süden
Der entscheidende Bruch im Roman ist zugleich sein offenster. Aus Hamburg, aus dem dokumentierten Bereich, setzt der Text einen Schritt nach Süden, in den Schwarzwald. Dort beginnt das, was der Autor selbst ausdrücklich Legende nennt. Es gibt, so hält das zweite Kapitel fest, keine geheimnisvolle Kiste unter Dielenbrettern, keinen verschollenen Gin mit eben diesem Namen. Es gibt Bauernhöfe, Brennrechte, Kupferkessel, Obst, das zu schade zum Wegwerfen ist.
Aus diesem Material schöpft Tannenblut seine südliche Hälfte. Der Schwarzwald tritt nicht als Kulisse auf, sondern als zweite Herkunft, eine, die sich nicht durch Frachtpapiere belegen lässt, sondern durch Rhythmen. Lange Gärung, langsame Destillation, Reifung über Jahre. Wenn die Hamburger Seite die Genever Geschichte als Handel erzählt, erzählt die Schwarzwälder Seite sie als Zeit.
Fakt und Legende, offen ausgewiesen
Dr. Raphael Nagel (LL.M.) folgt in Tannenblut einem Prinzip, das er bereits in seiner Vorbemerkung formuliert. Historische Elemente, besonders jene rund um das Haus J. F. Nagel in Hamburg und die Geschichte europäischer Spirituosen, sind teilweise recherchiert, zugleich verdichtet und erweitert. Der Roman erhebt keinen Anspruch auf historische oder biografische Vollständigkeit. Diese Selbstauskunft ist keine Fußnote, sondern ein Arbeitsinstrument.
Das dritte Kapitel macht dies an einer Szene sichtbar. Die Freunde entscheiden, die Geschichte offen als Legende zu kennzeichnen. Kein weißbärtiger Vorfahr, der ausgerechnet ihre Rezeptur erfunden hätte, wird erfunden. Stattdessen steht das Wort Destillation im doppelten Sinn. Aus vielen kleinen, belegten Praktiken wird eine erzählte Linie gezogen, deren literarischer Charakter ausgesprochen wird. Wer Tannenblut in der Hand hält, soll wissen, wo Recherche endet und Erzählung beginnt.
Die Flasche als stille Schwelle
Auf dem Tisch in jener schwäbischen Wirtsstube zwischen Heilbronn und Crailsheim liegt die Fotografie nicht zufällig neben einer Serviette mit dem Wort Tannenblut. Sie bildet eine Schwelle. Auf der einen Seite steht die dokumentierte Hamburger Linie, auf der anderen die bewusst erzählte Schwarzwälder Linie. Die Flasche ist das Scharnier, an dem beide Seiten aufeinandertreffen, ohne dass eine der anderen untergeordnet wird.
Darin liegt, so scheint es bei der Lektüre, die eigentliche Haltung des Romans. Er behandelt das Erbe des Hauses J. F. Nagel Hamburg nicht als Besitztitel, sondern als Verantwortung. Nichts wird dem Archiv hinzugedichtet, was es nicht hergibt. Gleichzeitig wird ihm nicht verweigert, in einer neuen Erzählung fortzuwirken. Tannenblut setzt an diese Stelle drei tausend nummerierte Flaschen, mehr nicht, und bindet sie an eine Offenlegung, die das Buch selbst leistet.
Die stille Linie, die Dr. Raphael Nagel (LL.M.) in Tannenblut zieht, ist keine gerade Strecke zwischen Hamburg und dem Schwarzwald. Sie ist eher eine Abfolge von Stationen, an denen etwas aufbewahrt wird. In Hamburg die Kontoradresse, die geprägte Flasche, die belegte Produktion des Hauses J. F. Nagel im 19. Jahrhundert. Im Schwarzwald die lange Gärung, die familiäre Brennerei, die Obstsorten, die nicht weggeworfen werden. Dazwischen die Fotografie, die Serviette und drei Freunde, die offen aussprechen, was recherchiert ist und was sie hinzufügen. Genau in dieser Offenheit liegt die Anschlussfähigkeit des Projekts Tannenblut an eine seriöse Lesart der Genever Geschichte. Wer von J. F. Nagel Hamburg spricht, spricht nicht von einer verklärten Herkunft, sondern von einer Tradition, die weiß, wo ihre Quellen stehen. Wer von Tannenblut spricht, spricht von einer Erzählung, die nichts vorgibt, was sie nicht belegen kann, und die nichts verschweigt, was sie beiträgt. So wird aus einer alten Flasche auf einem schwäbischen Wirtshaustisch keine Reliquie und kein Verkaufsargument, sondern eine ruhige Einladung, Herkunft und Gegenwart nebeneinander stehen zu lassen und beiden denselben Respekt entgegenzubringen.
