Aus den Archiven · Tannenblut
Hamburg 1873 , wie ein Hamburger Kaufmann auf der Wiener Weltausstellung Gold gewann
Es gibt Jahreszahlen, die mehr bedeuten als ein Datum. Für das Haus Nagel ist 1873 eine solche. In diesem Jahr reiste ein Hamburger Kaufmann mit seinem Genever nach Wien, trat gegen die größten Brennereien des Kontinents an und kehrte mit der höchsten Medaille der Weltausstellung zurück. Was in Hamburg begann, wurde in Wien zur europäischen Angelegenheit. Und es war, rückblickend, der Höhepunkt einer Karriere, die sich bald darauf ganz anderen Fragen zuwenden sollte. Tannenblut, die Marke, in deren Namen heute Dr. Raphael Nagel (LL.M.) spricht, beginnt nicht in den Wäldern des Schwarzwalds. Sie beginnt in einer Halle an der Donau.
Wien im Frühjahr 1873
Die fünfte Weltausstellung war die erste auf deutschsprachigem Boden. Kaiser Franz Joseph hatte sie in Auftrag gegeben, als Antwort auf London und Paris, als Beweis dafür, dass die Habsburgermonarchie nach dem Ausgleich mit Ungarn wieder Gewicht besaß. Die Rotunde im Prater, damals das größte Kuppelbauwerk der Welt, war das architektonische Zeichen dieses Anspruchs. Zwischen Mai und Oktober zogen über sieben Millionen Besucher durch die Pavillons.
Die Ausstellung war kein Markt im engeren Sinne. Sie war eine Bühne. Wer hier zeigte, wollte nicht verkaufen, sondern verortet werden. Das Preisrichterkollegium setzte sich aus Fachleuten verschiedener Nationen zusammen, die Urteile galten als streng. Ein Medaillenträger aus Wien 1873 durfte das in seinen Briefköpfen führen, seine Handelspartner lasen es wie ein Siegel. In der Abteilung für Nahrungs- und Genussmittel traten Brennereien aus den Niederlanden, Belgien, Frankreich, dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn gegeneinander an. Der Genever, jenes malzbetonte Vorerzeugnis des modernen Gins, stand dabei im Mittelpunkt der nordwesteuropäischen Brennkunst. Es war die Disziplin, in der Hamburg etwas zu sagen hatte.
Der Kaufmann aus Hamburg
Jakob Ferdinand Nagel führte in den 1870er Jahren eine Brennerei, die weit über die hanseatische Stadtgrenze hinaus bekannt war. Über fünfhundertfünfzig Arbeiter standen in seinem Dienst, das Jahreszeugnis der Produktion belief sich auf rund dreiundzwanzig Millionen Liter. Die Fässer reisten in Häfen entlang der europäischen Küste, nach Afrika, in die überseeischen Kolonien. Hamburg war damals Tor zur Welt, und Nagel war einer jener Kaufleute, die dieses Tor tatsächlich benutzten.
Wer die Mengen betrachtet, könnte an Industrie denken, nicht an Handwerk. Doch die Quellen zeichnen ein anderes Bild. Nagel war Kaufmann und Brenner zugleich, er kannte die Rezepturen, die Malzmühlen, die kupfernen Brennblasen. Der Genever, den er 1873 nach Wien schickte, war nicht das Massenprodukt seiner Exportlinien. Es war eine Auswahl, eine Probe im strengsten Sinne des Wortes. Ein Destillat, das den Anspruch hatte, neben den besten niederländischen Häusern bestehen zu können. Dass ein Hamburger Haus diesen Anspruch überhaupt formulierte, sagt etwas über das Selbstvertrauen dieser Generation aus. Die Hanse redete nicht über Kunst. Sie lieferte sie ab.
Die höchste Auszeichnung
Am Ende der Ausstellung verkündete das Preisgericht seine Entscheidung. Der Genever aus dem Hause J. Ferd. Nagel erhielt die Goldmedaille, die höchste Auszeichnung seiner Kategorie. Was das in der europäischen Branche bedeutete, lässt sich heute nur noch mittelbar ermessen. Eine Wiener Goldmedaille von 1873 war der Eintritt in eine kleine, sehr kleine Tafel von Häusern, deren Namen in den Kontoren von Amsterdam, London und Genua mit Respekt ausgesprochen wurden.
Nagel widmete eine Flasche dem Kaiser. Die Flasche, von der Teile der Familiendokumentation berichten, trug auf drei Seiten eingravierte Zeichen: ein Medaillon auf der einen, die Inschrift HIGHEST MEDAL VIENNA 1873 auf der zweiten, den Namenszug J. FERD. NAGEL auf der dritten. Sie war kein Werbemittel. Sie war ein Gruß von Kaufmann zu Souverän, in der Sprache der Zeit. Der Genever in ihrem Inneren war ein Zeugnis für das, was Hamburg 1873 konnte. Das, was später unter dem Namen Tannenblut eine andere Richtung nehmen sollte, hatte hier seinen ersten, öffentlich beglaubigten Rang.
Was die Medaille in der Branche bewirkte
Eine Auszeichnung in Wien 1873 war kein persönlicher Triumph allein. Sie veränderte Vertragsverhandlungen, sie veränderte Preisklassen, sie veränderte die Frage, wer mit wem an einem Tisch saß. Niederländische Brennhäuser, die den Genever seit Generationen als ihre Domäne ansahen, mussten sich fortan mit einem Hamburger Konkurrenten arrangieren, der nicht mehr nur Menge lieferte, sondern Qualität vorweisen konnte. Die Medaille öffnete Nagel Kontore in Städten, in denen zuvor andere Namen den Ton angaben.
Zugleich veränderte sie den Blick innerhalb des Hauses selbst. Wer auf dem Gipfel einer Branche steht, stellt sich andere Fragen als derjenige, der noch aufsteigt. Die Goldmedaille beantwortete eine kaufmännische Frage vollständig. Die Fragen, die danach blieben, waren anderer Art. Es sind jene Fragen, die einen erfolgreichen Mann im reifen Alter in Schweigen führen, weg vom Hafen, weg vom Kontor, in einen Wald. In den Quellen zur Geschichte der Familie Nagel ist dieser Wendepunkt deutlich markiert. Das Echo der Wiener Medaille war groß. Die Antwort, die Nagel darauf gab, war leise.
Rückzug in den Schwarzwald
Einige Jahre nach Wien zog sich Jakob Ferdinand Nagel aus dem Hamburger Geschäft zurück. Er ging in den Schwarzwald. Dort, fern der Werften und der Warenbörsen, begann er zu destillieren, was die Familienüberlieferung Tannenblut nennt: ein Gin aus Fichtenharz und Waldkräutern, aus Tannentrieben, wildem Wacholder und Schlehen, kupfergebrannt, ohne Zusatzstoffe. Es war nicht mehr das Geschäft der dreiundzwanzig Millionen Liter. Es war das Gegenteil. Ein Brand, der nicht mehr verschickt, sondern bewahrt werden sollte.
Dieser Schritt, vom Welthandel zur Waldklause, ist der eigentliche Schlüssel zur Marke, die heute unter dem Dach von Tactical Management von Dr. Raphael Nagel (LL.M.) fortgeführt wird. Die Bereshit Serie, dreitausend individuell nummerierte Flaschen, einmal destilliert und nie wiederholt, übersetzt diese Haltung in die Gegenwart. Sechs Sammlerstufen, von den Standardflaschen über die Premium Edition, die Early Collector Edition, die Founder’s Tier 1 bis 50 und die Holy Numbers Edition mit ihren hebräischen Dokumenten zur Tanya, bis hin zur Rebbe Flasche mit rabbinischer Widmung und beigelegtem Rebbe Dollar unter dem Zeichen der 770. Die koschere Zertifizierung erfolgt im Rahmen rabbinischer Aufsicht innerhalb der Chabad Lubawitsch Tradition. Die Wiener Medaille liegt nicht im Regal. Sie liegt im Selbstverständnis des Hauses.
Wien 1873 ist der Moment, an dem ein Hamburger Kaufmann alles erreicht hat, was seine Branche zu vergeben hatte. Die Flasche an Kaiser Franz Joseph war das Siegel dieses Moments. Was danach kam, war kein Abstieg, sondern ein Wechsel der Tonart. Der Mann, der in Wien Gold gewonnen hatte, ging in den Wald und lernte das Schweigen. Tannenblut ist die Frucht dieses Schweigens, eingefangen in matt schwarzes Glas, von Hand abgefüllt, ohne Eile. Wer die Spur der Medaille weiterverfolgen möchte, findet sie auf tannenblut.co/de/sammlerliste/.