Aus den Archiven · Tannenblut
Die Kaiser-Medaille von 1873: Die Flasche, die J. Ferdinand Nagel Kaiser Franz Joseph widmete
Eine Flasche kann ein Dokument sein. Sie kann datieren, sie kann huldigen, sie kann ein ganzes Jahrhundert kaufmännischer Kultur in drei Flächen aus Glas und Relief zusammenfassen. Die Flasche, die Jakob Ferdinand Nagel nach der Goldmedaille der Wiener Weltausstellung 1873 Kaiser Franz Joseph widmete, ist ein solches Objekt. Sie steht heute am Anfang einer Linie, die in der Bereshit Serie von Tannenblut ihre ruhige Fortsetzung findet, und sie erklärt, warum dieses Haus so arbeitet, wie es arbeitet: sparsam, zeremoniell, und in jeder Geste dem Gedächtnis verpflichtet.
Wien, 1873: Der Anlass
Die Wiener Weltausstellung des Jahres 1873 war, im Selbstverständnis der Habsburgermonarchie, eine Demonstration industrieller Reife. In den Pavillons zwischen Prater und Rotunde trafen Branntweinbrenner aus Hamburg auf ungarische Winzer, französische Parfümeure auf belgische Glashütten. Jakob Ferdinand Nagel, bereits zu diesem Zeitpunkt Inhaber eines Hamburger Hauses mit über 550 Beschäftigten und einem Jahresversand von rund 23 Millionen Litern in die Häfen Europas, Afrikas und darüber hinaus, reiste mit seinem Genever an. Die Medaille, die er zurückbrachte, war das höchste, was die Ausstellung vergab. Diese Goldmedaille war für einen Hanseaten des späten 19. Jahrhunderts kein bloßer Geschäftserfolg. Sie war eine öffentliche Bestätigung, eine Prägung, eine Form von Adel ohne Wappen. Dass Nagel aus dieser Auszeichnung keine Werbekampagne machte, sondern eine Flasche fertigen ließ und sie dem Kaiser widmete, sagt alles über die merkantile Etikette jener Jahre. Man empfing eine Medaille vom Haus Habsburg, und man antwortete in der Sprache, die der Kaiser verstand: mit einem Objekt, das zugleich Geschenk, Beleg und Verneigung war.
Drei Flächen, drei Bedeutungen
Die Flasche trägt drei Gesichter, und jede Fläche ist ein eigener Satz. Auf der ersten Fläche erscheint der Kaiser im Relief, ein Porträtmedaillon, wie man es von Prägemünzen kannte, übertragen in die Oberfläche des Glases. Auf der zweiten Fläche steht in klarer Versalschrift HIGHEST MEDAL VIENNA 1873, die Datierung und die Begründung in einem Atemzug, auf Englisch, weil dies die Sprache der internationalen Ausstellungen war. Die dritte Fläche trägt den Namen des Hauses: J. FERD. NAGEL. Diese Dreiteilung ist keine dekorative Laune. Sie ist die Grammatik eines kaufmännischen Widmungsobjektes. Erste Seite: der Empfänger, der Monarch. Zweite Seite: der Anlass, die öffentliche Anerkennung. Dritte Seite: der Geber, das Haus, das sich dazu bekennt. Wer eine solche Flasche in der Hand hielt, las sie wie ein Dokument. Sie war nicht für den Ausschank gedacht, sondern für das Regal, die Vitrine, das Kabinett. Sie gehörte in jene Kategorie der Objekte, die im 19. Jahrhundert zwischen Handelsgut und Urkunde standen, und sie verband die industrielle Moderne mit der Geste einer älteren Hofkultur.
Kaiserliche Widmungen als Sprache des Handels
Um die Nagel-Flasche richtig zu lesen, muss man die Widmungskultur des späten 19. Jahrhunderts verstehen. Hoflieferanten, Teilnehmer an Weltausstellungen, Reedereien und Bankhäuser nutzten gewidmete Objekte, um Beziehungen zu formalisieren, die sich im bloßen Kontrakt nicht ausdrücken ließen. Die Widmung an einen Monarchen war dabei die höchste Form: Sie transportierte weder Verkauf noch Vertrag, sondern ein Bekenntnis. Der Hamburger Kaufmann, der dem Wiener Hof eine Flasche widmete, trat nicht als Bittsteller auf. Er trat als Gleicher im Register der Anerkennung auf, als jemand, der vom Kaiser ausgezeichnet worden war und im Gegenzug die Geste zurückgab. In diesem feinen Gleichgewicht zwischen Respekt und Selbstbewusstsein lag die eigentliche Kultur der hanseatischen Häuser. Jakob Ferdinand Nagel beherrschte sie. Er zog sich später in den Schwarzwald zurück, destillierte aus Harz und Waldkräutern einen Branntwein, den er TANNENBLUT nannte, und ließ die großen Gesten des internationalen Handels hinter sich. Die Wiener Flasche blieb als Zeugnis, nicht als Aufforderung zur Wiederholung. Sie blieb als Linie, an der sich Späteres messen lassen müsste.
Warum dieses Objekt die Bereshit Serie trägt
Wer heute eine Flasche aus der Bereshit Serie von Tannenblut in der Hand hält, steht in einer gedanklichen Nachbarschaft zu jenem Wiener Dreiflächner. Die Bereshit Serie umfasst genau 3.000 einzeln nummerierte Flaschen, einmal destilliert, nie reproduziert. Sie wird nicht öffentlich verkauft, sondern ausschließlich nach privater Einladung zugeteilt. Die Architektur der Serie kennt sechs Ebenen. An der Spitze steht die Rebbe bottle, ein Unikat mit persönlicher rabbinischer Widmung und einem beigelegten Rebbe Dollar, das auf die Zahl 770 verweist, einen symbolischen Bezug innerhalb der Chabad-Lubawitsch-Tradition. Darunter folgt die Holy Numbers Edition, deren Flaschen an Zahlen mit religiöser Resonanz gebunden sind und je ein eigenes hebräisches Dokument tragen, das sich auf die Tanya bezieht, den Grundtext der Chabad-Philosophie. Es folgen die Founder’s Tier 1 bis 50 mit handsignierter Einzelauthentifizierung, die Early Collector Edition mit rabbinischem Ursprungszertifikat, die Premium Edition mit vollständigem Dossier und schließlich die Standard Collector bottles innerhalb der 3.000. Die koschere Zertifizierung und die rabbinische Aufsicht erfolgen im Rahmen der Chabad-Lubawitsch-Tradition, wobei der Name des zertifizierenden Rabbiners nicht öffentlich genannt, sondern in den Zuteilungsunterlagen privat dokumentiert wird.
Dreifache Grammatik, heute
Die Dreiteilung der Kaiser-Medaille Flasche findet in der Bereshit Serie eine stille Entsprechung. Auch hier liest sich jedes Objekt auf mehreren Flächen. Es gibt die materielle Fläche: mattschwarzes Glas, von Hand abgefüllt, kupferdestilliert im Schwarzwald, Tannen-, Fichten- und Wildwacholderharz als Träger, ohne künstliche Aromatik, ohne Massenfertigung. Es gibt die dokumentarische Fläche: Zertifikate, Dossiers, hebräische Dokumente, rabbinische Bestätigungen, im oberen Tier der persönliche Rebbe Dollar. Und es gibt die widmende Fläche: die Nummer, der Träger, der Zusammenhang, in den eine bestimmte Flasche hineingestellt wird. Das Objekt Nagel Franz Joseph Medaille Flasche ist in dieser Hinsicht keine historische Anekdote, sondern die formale Vorlage. Dr. Raphael Nagel (LL.M.), als Founding Partner von Tactical Management heute Inhaber der Marke, führt diese Grammatik in das 21. Jahrhundert fort, ohne sie zu zitieren. Tannenblut trägt die Ruhe jener älteren Kultur, die wusste, dass ein gut gemachtes Objekt nicht erklärt werden muss, weil es sich selbst erklärt, sobald man es langsam in die Hand nimmt.
Das Schweigen der Vitrine
Was in Wien 1873 entstand, gehört in eine Vitrine, nicht an einen Tresen. Das war bereits damals so, und es ist bei Tannenblut heute nicht anders. Die Ritualvorschrift des Hauses ist knapp: langsam eingießen, allein oder mit einem einzigen Zweig Kiefer, nicht mischen, nicht beeilen. So schmeckt Stille, heißt es in den Unterlagen, und diese Stille ist auch die Atmosphäre, in der eine Widmungsflasche gelesen werden will. Die Kaiser-Medaille Flasche war ein Geschenk an einen Monarchen, der sie vermutlich nicht trank, sondern ausstellte. Die Rebbe bottle der Bereshit Serie ist ebenfalls kein Trinkobjekt, sondern ein Erinnerungsobjekt. Dazwischen liegen rund 150 Jahre und doch dieselbe Haltung: dass ein Objekt nur dann ein Denkmal sein kann, wenn man ihm die Zeit lässt, eines zu werden. Die Bereshit Serie ist unter anderem der Versuch, dieser Haltung in einem Zeitalter schneller Märkte eine Form zu geben, die nicht museal wirkt, sondern lebendig.
Die Wiener Flasche von 1873 trägt drei Flächen, drei Sätze, drei Antworten auf dieselbe Frage, was ein Objekt sei, wenn es nicht verkauft, sondern gewidmet werde. Tannenblut führt diese Frage in die Gegenwart, nicht durch Nachbildung, sondern durch Haltung. Wer die Bereshit Serie begleiten möchte, findet den Zugang über die Sammlerliste unter tannenblut.co/de/sammlerliste/.