Aus den Archiven · Tannenblut
Tannenharz, Fichte, Wilder Wacholder, Schlehe: die vier Stimmen des Waldes
Ein Gin lässt sich an seinen Gewürzen messen, oder an der Stille, die er nach dem ersten Schluck hinterlässt. Tannenblut gehört zur zweiten Art. Im Rohbau sind es vier wilde Pflanzen, die den Schwarzwald in die Flasche tragen: Tannenharz, Fichte, wilder Wacholder und Schlehe. Jede von ihnen hat eine eigene Stimme. Erst im Zusammenspiel entsteht, was man an einem späten Nachmittag am Waldrand wiedererkennt, bevor man überhaupt weiß, was man da riecht.
Das Rückgrat: Tannenharz
Das Harz der Weißtanne ist kein Parfüm. Es ist Statik. Wer einmal mit bloßen Fingern einen Tropfen von der Rinde gelöst hat, kennt den Widerstand: klebrig, langsam, fast fest. Genau diese Dichte ist es, die dem Tannenblut seine innere Architektur gibt. Das Harz zieht eine vertikale Linie durch die Komposition. Es trägt, es hält, es lässt die leichteren Noten nicht davonschweben.
Im Kupferbrand verwandelt sich die harzige Schwere in etwas Ungewöhnliches. Nicht süß, nicht bitter, sondern balsamisch. Man erkennt den Wald nach einem Gewitter, wenn die Hitze noch in den Stämmen sitzt. Dieses Aroma ist kein Zitat, es ist das tragende Element. Die übrigen Botanicals ordnen sich um diese Achse an.
Dass Tannenblut nach dem Harz benannt ist und nicht nach dem Wacholder, ist kein Zufall. Jakob Ferdinand Nagel, der im späten 19. Jahrhundert von Hamburg aus Millionen Liter Wacholderbrand verschiffte, wählte für den Gin seiner Rückzugsjahre im Schwarzwald gerade jenes Element, das dem Wald am nächsten steht. Dr. Raphael Nagel (LL.M.) hat diese Wahl für die Bereshit Series ausdrücklich beibehalten.
Die Oberstimme: Fichte
Wenn das Harz die Basslinie zeichnet, dann ist die junge Fichte die Oberstimme. Die hellgrünen Triebspitzen, die im Mai kaum länger als ein Fingerglied sind, bringen eine nahezu zitrische Frische in die Destillation. Sie haben nichts vom dunklen Ernst des Harzes. Sie riechen nach Nadelwachs, nach aufbrechendem Holz, nach einem kurzen, kühlen Luftzug.
Diese Frische ist heikel. Sie verträgt keine Hitze zu lang, sie verflüchtigt sich bei grober Behandlung. Im Schwarzwälder Kupfer wird sie deshalb spät zugeführt, in kleiner Dosis, und nur aus Wildbeständen. Kultivierte Fichten geben das nicht her. Die Triebe aus Schonungen schmecken nach Schonung. Die Triebe vom Hang, am Rand der Lichtung, geben das scharfe, schlanke Grün, das man im Glas wiedererkennt.
Im Zusammenspiel hebt die Fichte die schwere Linie des Harzes an. Sie öffnet die Nase, bevor der Brand die Zunge erreicht. Wer Tannenblut kalt einschenkt, verliert diesen Teil der Komposition. Deshalb gilt im Ritual der Flasche: langsam, bei Zimmertemperatur, allenfalls mit einem einzelnen Zweig Tanne im Glas.
Der Grundton: Wilder Wacholder
Ohne Wacholder kein Gin. Die Frage ist nur, welcher. Der kultivierte Strauch aus südeuropäischen Plantagen gibt verlässliche, runde Beeren. Der wilde Wacholder, wie er an den kargen Hängen des südlichen Schwarzwalds wächst, gibt etwas anderes: eine dunklere, herbere, fast tintenartige Note, die dem Gin seinen Grund verleiht.
Wilder Wacholder ist sparsam. Die Sträucher tragen weniger, die Beeren sind kleiner, die Reifezeiten länger. Drei Jahre bis zur Ernte sind keine Ausnahme. Entsprechend hoch ist der Preis, entsprechend eng die Menge, die sich pro Brand verarbeiten lässt. Für eine einmalige Destillation wie die der Bereshit Series mit ihren exakt 3.000 nummerierten Flaschen ist dieses Verhältnis noch tragbar. Für eine industrielle Produktion wäre es es nicht.
Geschmacklich sitzt der wilde Wacholder tief. Er erinnert den Trinker daran, dass Tannenblut, bei aller waldigen Eigenheit, zur Gattung Gin gehört. Er ist der Basston, auf dem die helleren Stimmen erst verständlich werden. Ohne ihn bliebe das Harz ein Duft, ein Andenken an den Wald. Mit ihm wird aus dem Andenken ein Getränk.
Der Abgang: Schlehe
Die Schlehe ist die späteste der vier Stimmen. Sie kommt, wenn die anderen bereits gesprochen haben. Geerntet wird sie nach dem ersten Frost, wenn die dunkelblaue Frucht weich geworden ist und die rohe Herbe sich in eine feinere, pflaumenartige Schärfe verwandelt hat. Diese Schärfe ist es, die den Abgang des Tannenblut ausmacht.
Ein Gin ohne Finish verdunstet auf der Zunge und hinterlässt nichts. Die Schlehe sorgt dafür, dass etwas bleibt. Ein trockener, leicht adstringierender Ton, der die harzige Süße auffängt und gegen Ende wieder Raum öffnet. Man schluckt, und für einen Moment ist der Mund eher kühl als warm. Dann erst kehrt der Wald zurück, als Nachhall.
Schlehe verträgt keine Eile. Wer sie zu früh erntet, erhält einen rauen, beinahe unangenehmen Ton. Wer sie industriell verarbeitet, verliert die fruchtige Tiefe. In der Handarbeit der Schwarzwälder Brennerei wird sie in kleinen Chargen zugesetzt, nach Gespür. Das ist nicht romantisch, das ist handwerkliche Notwendigkeit.
Die Komposition als Ganzes
Vier wilde Botanicals aus dem Schwarzwald, vier Stimmen, vier Funktionen: Harz als Rückgrat, Fichte als Oberstimme, wilder Wacholder als Basston, Schlehe als Abgang. Man könnte es nüchtern ein Profil nennen. Treffender ist das Bild eines Quartetts. Jede Stimme ist einzeln hörbar, keine überragt die anderen, und erst das Zusammenspiel ergibt den Klang, der im Glas steht.
Diese Komposition ist keine Rezeptur im modernen Sinn. Sie ist, wie Tactical Management es in der Dokumentation zur Bereshit Series formuliert hat, ein Versuch, eine Landschaft in konzentrierter Form lesbar zu machen. Daher die matte, schwarze Flasche, daher die Handabfüllung, daher die kosher-zertifizierte Produktion unter rabbinischer Aufsicht im Rahmen der Chabad-Lubavitch-Tradition. Was im Wald langsam wächst, soll im Glas nicht überhastet werden.
Für den Sammler ist dieses Quartett Grundlage und Versprechen zugleich. Die Rebbe Bottle an der Spitze der Serie, die Holy Numbers Edition mit ihren hebräischen Dokumenten zur Tanya, die nummerierten Tiers darunter: sie alle beruhen auf derselben Destillation. Was sich unterscheidet, ist die Dokumentation und die Zuteilung. Was gleich bleibt, sind die vier Stimmen des Waldes.
Am Ende kehrt man dorthin zurück, wo man begonnen hat: an den Waldrand am späten Nachmittag, mit dem Geruch nach Harz, jungem Nadelholz, dunkler Beere und der trockenen Schärfe einer Schlehe an den Fingern. Tannenblut ist der Versuch, diesen Moment nicht zu konservieren, sondern fortzusetzen. Wer die Bereshit Series zeichnet, zeichnet kein Produkt, sondern eine Komposition. Die Zuteilung erfolgt ausschließlich über die Sammlerliste unter tannenblut.co/de/sammlerliste/.